• IM RINGEN MIT DEM SCHWEIGEN
  • Bâmdâd bin ich
    am Ende
    müde
    eines Kampfes, der, gegen mich allein gerichtet,
    erschöpfender ist als jeder andere
    (bevor du noch das Roß besteigst,
    bist du gewiß,
    daß eines Geiers mächtiger Schatten
    mit geöffneten Schwingen
    das Feld überquert hat,
    Schicksal
    deine
    blutüberströmte Zauberpuppe
    begraben hat,
    und dir bleibt
    kein Entkommen
    aus Scheitern und Tod.)
    Bamdad bin ich,
    ein Bürger von mäßiger Statur und Intelligenz.
    Ein Ring verbindet meine Herkunft
    mit den Landstreichern Kabuls.
    Mein Rufname ist arabisch
    mein Stammesname türkisch
    mein Pseudonym persisch.
    Mein Stammesname
    schämt sich der Geschichte
    und meinen Rufnamen
    liebe ich nicht
    (nur wenn du mir ein Lied schenkst
    ist dieser Name
    der Welt schönstes Wort
    und jene Stimme
    der traurigste Flehgesang).
    In der schweren Nacht eines endlosen Schneefalls
    habe ich diese Herberge erreicht
    greisenhaft müde
    von Anbeginn.
    In einem gramerfüllten Haus wurde ich erwartet,
    an der Wasserschenke zum Spiegel,
    nahe dem Derwisch-Kloster.
    (Vielleicht aus diesem Grund
    hat mir der Schatten Satans
    immerzu
    aufgelauert).
    Noch im Alter von fünf Jahren
    verwirrte mich der ungaubliche Schlag meiner Geburt,
    ich wuchs auf
    im Lockgesang des trunkenen Lhuks mit den Geistern
    giftiger Reptilien,
    wurzellos
    auf salzigem Grund
    in einer Wüste, abgelegener als die staubbedeckte Erinnerung and die an letzte Reihe der
    Palmen
    am Rand des letzten Trockenbrr?s.
    Fünf Jahre alt,
    einen Kelch in der Hand,
    lief ich nackt im fließenden Sand dem Lichtfries
    der Luftspiegelung nach,
    meiner Schwester voran,
    der
    die Leidenschaft des Mannes,
    seine Stroh haschende Anziehungskraft
    noch unbekannt war.
    Als erstmals vor meinen Augen
    der traurige Abel sich geißelte
    war ich sechs Jahre alt
    (Oh, überaus geeignet
    waren die Zeremonien:
    die Reihe der Soldaten
    und die stumme Ordnung der Bauern
    im Schachfeld und
    die Pracht der bunttanzenden Fahne,
    und das Schmettern der Trompeten und der unnachgiebige
    Trommelwirbel,
    damit Abel beim Hören des eigenen Schluchzens
    niemals erblaßt).
    ***
    Bamdad bin ich
    müde des Kampfes gegen mich selbst
    müde der Wasserschenke und des Klosters und der Luftspiegelung
    müde der Wüste und der Peitsche und der Bürden
    müde der Verschämtheit Abels
    lang entfuhr meiner Kehle kein Laut
    doch
    jetzt ist der Augenblick gekommen um aufzuschreien
    denn nun ist es Satan
    der seine Hand nach mir streckt.
    Die Reihe der unbewegten Bauern
    ist vorbereitet
    und die Fahne
    mit schillernden Farben gehißt.
    Die Zeremonie steht am Gipfel der Vollendung,
    makellos am Lebenslicht eines Menschen,
    gleich der Schere
    am schwelenden Docht
    einer wertlosen Kerze.
    Vor der stummen Reihe stehe ich, befohlen,
    und der Knebel, goldbestickt, liegt bereit
    auf dem blechernen Tablett
    neben einem Bündel Basilikum und zerstossenen Zwiebeln.
    Und dann die Schlampe des Leutnants, nähert sich nackt,
    ein neckisches Mal, Emblem der Heimat,
    an ihrer Scham,
    und jetzt der Trommelwirbel!
    Die Zeremonie beginnt.
    Es ist Zeit meinen ganzen Haß in einen endlosen Schrei zu spucken.
    Bamdad bin ich, der erste und letzte,
    Abel bin ich,
    auf der Estrade der Verachtung
    der Ruhm des Alls,
    gegeißelt von eigener Hand,
    - neben der schwarzen Flamme meiner Trauer
    verblaßt
    der Hölle bescheidene Habe.
    In einem Spital, wo mein Lager einer abgelegenen Insel gleicht,
    blicke ich verwirrt und staunend in jede Richtung:
    Dies ist nicht die Heilstätte der Skrofulösen.
    Die Krebskranken und ihre Pfleger zehren von einem
    freudlosen Vergnügen.
    Die Aussätzigen
    schreiten frei einher,
    mit halbgekauten Lidern und zwei Herzen im Skrotum,
    in den Adern fließender Unflat aus Urin und Asseln,
    mit federnen Besen
    an Bajonetten
    um die Ruine zu kehren.
    Die Flure,
    gefüllt mit der grauenvollen Gegenwart eines mächtigen Schattens,
    der Stille befiehlt,
    sind der Schlaflager Achsen,
    mit eisernen Schellen,
    Peitschen und Säbeln
    an den steinernen Wänden.
    Die Diarrhoekranken
    hängen die Hygiene
    in blühenden Gärten an Fleischerhaken,
    und der Gesundheit Herz
    pocht im Operationssaal,
    in einer Schale zwischen Schlamm und Watte,
    im Schnarchen der Hyänen
    unter dem Operationstisch.
    Hier werden gesunden Herzen Blutegel verordnet,
    um ausgelassen und heiter,
    gleich dem Kanarienvogel der Trunkenheit,
    bis zum Tod
    den wunderbarsten Gesang deines Lebens anzustimmen,
    denn du weißt:
    Sicherheit
    ist milchiger Mais,
    der im Käfig reift;
    bis der Feldwebel der Wache den Passierschein
    in deine Hand drückt
    und die Schachteln der Schmerzmittel
    öffnet:
    " - eine des Morgens
    eine des Abends
    mit Liebe ..."

    ***

    Und nun
    Passage der müden Nacht
    im Schutz der Buchsbäume.
    In der Küche
    entkleidet der Assistent
    in diesem Augenblick
    einen rastlosen Dichter
    zum Frühstück des Chirurgen.
    (Hat jemand einen Einwand?)
    Und in einem Leichenzug
    führen die amtlich Verstorbenennoch Sorgen mit sich,
    und im Puls, im Blick,
    noch ein Vibrieren, noch Glut,
    noch Reste von Haß und Zorn.
    Nackt
    an den Operationstisch gefesselt
    werde ich aufschreien,
    denn Abel bin ich,
    der Ruhm des Alls,
    und in der Schüssel meines Schädels ist das Frühstück
    des Chirurgen nur ein Bissen.
    Mit meinem bitteren Aufschrei
    sei dieser Bissen
    Viperngift
    an seinem Gaumen!
    Denn Bamdad bin ich
    die Vorhut des Sonnenstrahls.

    11.7.1984
    Übersetzer: F. Showghi